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Musik statt Sound

Trotz iPod und Dolby-Surround im Wohnzimmer:
Die klassische Stereoanlage ist für Musikliebhaber noch immer unübertroffen.

Von Wolfgang Tunze

Gäbe es eine Liste der bedrohten Arten in der Elektronikwelt, dann hätte die gute alte Stereoanlage darin einen prominenten Platz. Die Älteren unter uns wissen es noch: Der heute schon etwas angestaubte Begriff bezeichnete in den besten Hi-Fi-Tagen einen 42 Zentimeter breiten Stapel aus zumeist schwarzen Blechkästen, in denen sich Transistoren, Schalter und Transformatoren arbeitsteilig um die Aufbereitung von Musikkonserven und Radiosendungen kümmerten. Ein Verstärker und ein Tuner-Baustein waren stets mit von der Partie, in den ganz alten Zeiten galten noch das Kassettendeck und der Plattenspieler als obligatorisch, später wurde der CD-Spieler unentbehrlich. Nicht zu vergessen die Lautsprecher: Gern hüfthoch, weit genug links und rechts vom Elektronik-Ensemble aufgestellt, komplettierten sie die Musikausrüstung. Und heute? Wir folgen dem Trend zum fünfkanaligen Heimkino-Sound, freuen uns am zierlichen Auftritt winziger Mini-Türmchen und lassen uns vor allem von jenen pfiffigen Komplettsystemen faszinieren, die über Steckplätze oder Netzwerk-Funk Dauerkontakt zu iPod und iPhone halten. Wer wollte da den Stereo-Stapeln von gestern eine Träne nachweinen? Traditionsmarken wie Denon, Marantz, Onkyo oder Yamaha haben die Frage auf ihre Weise beantwortet - mit einer veritablen Renaissance anspruchsvoll konstruierter und liebevoll verarbeiteter Stereokomponenten, und die Nachfrage nach solchen Geräten scheint eher zu wachsen. Das hat gute Gründe: Geht es ausschliesslich um den Musikgenuss, dann ist das klassische Konzept der Stereoanlage immer noch die erste Wahl.

Viele Fehlerquellen

Die Verfechter des Mehrkanaltons haben das jahrelang bestritten - mit plausiblen Argumenten, denn erst die Tiefe des Raums macht ja die akustische Illusion der Live-Aufführung komplett. Aber Musikreproduktion und Mehrkanaltechnik konnten sich nie wirklich miteinander anfreunden. Das hat mit vielerlei Risiken und Unwägbarkeiten zu tun: Schon die Aufnahme in Mehrkanaltechnik ist ein höchst anspruchsvolles Unterfangen mit vielen möglichen Fehlerquellen. Das gilt erst recht für die Wiedergabe im Wohnzimmer, wo kein erfahrener Tontechniker mit Rat und Tat zur Seite steht. Spielen zum Beispiel die hinteren Kanäle auch nur eine Nuance zu laut, dann tönt ein Orchester schon einmal von allen Seiten - und die erste Violine fiedelt plötzlich im Rücken des Hörers. Auch die Musikwiedergabe über Matrix-Systeme wie Dolby Pro Logic II, die dem Stereoton Tiefen-Information entnehmen und daraus Signale für fünf Lautsprecher ableiten, ist problematisch. Mit manchem Musikmaterial funktioniert die Sache eindrucksvoll, oft aber werden die Klänge diffus, und die Ortbarkeit der Schallereignisse leidet. Mit Soundbars für den Fernseher, also schmalen Lautsprecherzeilen unter dem Flachbildschirm, werden Hi-Fi-Puristen auch nicht recht glücklich - schon gar nicht, wenn diese Geräte die Musik mit elektronischen Tricks zu virtuellem Surround-Sound aufblasen: Klangverfärbungen und der Verlust jeder Ortungsschärfe sind dann fast unvermeidliche Nebenwirkungen. Tonspuren von Hollywood-Werken dagegen können von solcher Nachbehandlung durchaus eindrucksvoll profitieren. Denn im Film geht es schliesslich um Effekte, nicht so sehr um Authentizität.

Digital tickende Endstufen

Stereo-Türmchen im Mini- und Mikroformat machen im Arbeits- oder im Schlafzimmer eine gute Figur, und selbst wertkonservative Hi-Fi-Fans finden in der grossen Auswahl etliche Modelle, die mit erstaunlich wohlklingenden Lautsprechern zur Sache gehen. Hinzu kommt: Digital tickende Endstufen können heute selbst extrem kompakten Verstärkerbausteinen zu hohen Ausgangsleistungen verhelfen. Aber an die klassische Anlage mit Lautsprechern in «erwachsenen» Formaten reichen die Minis schon wegen ihrer begrenzten Basskraft einfach nicht heran - das ist selbst für ungeübte Hörer sofort ohrenfällig. Und was ist von all jenen Apparaten zu halten, die Apples mobiles Spielzeug zum Andocken oder zum Funkverkehr einladen? Sie sind eine echte Bereicherung und sorgen für jede Menge Spass. Nur sind sie eben nicht der musikalischen Weisheit letzter Schluss. Wie viel Erlebnisqualität bleibt übrig, wenn sich Stereolautsprecher vom Kaliber eines Schokoladenkekses gemeinsam mit einem kaum grösseren Monobass ein einziges Gehäuse teilen? Erstaunlich viel, heisst die aufrichtige Antwort, wenn man sich die besten Apparate dieser Bauart anhört. Aber es fehlt ihnen doch die breite Perspektive, die unangestrengte Lockerheit, die luftige Transparenz und die ansteckende Dynamik, mit denen gute Hi-Fi-Anlagen der klassischen Art ihre Zuhörer verwöhnen. Konservative Konzepte müssen neue Ideen im Übrigen gar nicht ausschliessen. Hocheffiziente Schalt-Endstufen finden sich heute auch in traditionellen Stereoverstärkern, Tuner-Bausteine oder Receiver können umgekehrt immer öfter auch Internet-Radiosender empfangen und über das Heimnetzwerk Musikarchive auf Festplatten anzapfen, USB-Anschlüsse stellen Digitalverbindungen zum iPod oder auch zum Notebook her, und selbst Apples Musikfunk Airplay hat Einzug in die Ausstattungslisten klassischer Hi-Fi-Komponenten gefunden. Deshalb verdienen die kantigen Kästen nach wie vor einen Stammplatz in jedem Wohnzimmer.

 

Quelle: NZZ am Sonntag, April 2012